Die ganze lange Vorgeschichte erspare ich euch. Ich mein, wie es kam, dass die Welt kam und dass die Schweiz wurde. Das tut hier gar nichts zur Sache. Aber es brauchte die eine oder andere Sache, damit mein Leben vom Drei- zum Vierklang wechseln konnte. Und mit dieser Verschiebung haben sich mir dank Miles Davis' „Kind of blue“ neue musikalische Tore geöffnet.

Begonnen hat es damit, dass ich 1991 für drei Monate nach Paris gegangen bin. Schnitt. Lebensschnitt. Alltagsschnitt. Bevor der Alltag zu einem grossen Stück glitschigen Specks werden konnte, der sich über mich legte und aus dem dann kein Entfliehen mehr möglich sein würde. Also. Anstatt Technikerschule und Alfa Romeo Spider, wie es meinem Kumpel Willi geschehen war, und der dann schon bevor er dreissig geworden war, irgendwie müde aussah, trotz Alfa Romeo, wie gesagt, anstatt an die Technikerschule ging es nach Paris. Sprachschule. Wobei die Sprachschule ja vor allem Vorwand war. Damit die Schose ein bisschen seriöser klang. Dafür wars auch teurer, als wenn ich einfach nur drei Monate in Paris durchs Nachtleben spaziert wäre. Auch die Ernsthaftigkeit hat ihren Preis.
Nun, da waren diese Clubs, die an allen Abenden, die der Schöpfer in seiner Grosszügigkeit geschöpft hat – wenigstens an all den Abenden jener Zeit, als ich in Paris war, und wohl auch noch einige Zeit vorher und nachher, aber bestimmt nicht in alle Ewigkeit Amen vor und zurück, was aber hoffentlich keinem zu denken in den Sinn kommt und darum als Hinweis im Grunde überflüssig ... Also, diese Clubs. Zwei waren es vor allem. Ich glaub, das waren ziemlich üble Schuppen. Ich weiss gar nicht, obs nicht eher peinlich ist, wenn ich mit Begeisterung davon erzähle. Ich tus nun aber doch. Egal. Mut zur Peinlichkeit. Steh zu deinen Jugenduntaten, Mann! Also, die Taverne du Guiness hiess das eine Lokal, Gambrinus das andere. Genau. Du ahnst es. Der Name der Taverne war Programm. Bier in reichlicher Auswahl und in rauen Mengen. Oder besser: erst in rauen Mengen und dann war da auch noch die reichliche Auswahl. Aber die spielte eine eher untergeordnete Rolle. Aber immerhin. Das belgische Bier hab ich da entdeckt, vor allem Leffe blonde. Aber es hatte auch richtige Verbrechen dabei. Mit Pfirsichgeschmack versetzte Brühen und so ähnliches Zeug. Und natürlich spielten da weder Miles Davis noch John Coltrane, sondern nur lokale Musiker, die ihren Lebensunterhalt mit dem allabendliche Abspulen ausgeleierter Hits für ein bierseliges Publikum verdienten. Yep. Ich war auch da. Bei den Bierseligen, nicht bei den Musikern. Damals war ich noch gar nicht Musiker. Nur ein kleines bisschen Schriftsteller. Aber hinter den Ohren noch grün wie frischer Löwenzahn. Nicht der Rede wert. Die ersten künstlerischen Gehversuche halt. Spätestens beim fünften Umzug landet das Zeug im Müll.

An diesen Trink- und Mitbrüllabenden spielten manchmal wirklich beeindruckende Musiker. Jedenfalls für mich, der ich keine Ahnung hatte, ausser dass ich fast alle Lieder mitsingen konnte, weil ich als grosser Popfan fast alle Lieder kannte. Eines abends kam ich während der Spielpause mit einem der Musiker ins Gespräch. Ein Gitarrist, der so unglaublich leidenschaftlich in die Saiten griff und hieb, dass es einen unmöglich kalt lassen konnte. Wenn er richtig in Fahrt kam, und das war meistens bei „Purple Rain“ und bei „New Years Day“, ging die Leidenschaft derart mit ihm durch, dass ihm der Schweiss vom Rand seiner Baseballmütze tropfte. Wie wir so plauderten, erzählte er mir, dass er erst mit 25 Jahren die Gitarre entdeckt hatte und nun seit zehn Jahren spiele. Rechnet nicht nach, das bringt hier nichts, weils keine Rolle spielt. Aber bei mir setzten sich trotz fortgeschrittenem Bierpegel einige Denkrädchen in Bewegung.

Denn wenn das wahr war, was er sagte, und es gab keinen Grund, daran zu zweifeln, dass das wahr war. Also, es war wahr. Einfach um noch ein bisschen wirrwarr mit dem Wahr-war zu stiften. Die Denkrädchen setzten sich in Bewegung und kamen zum Schluss, dass es dann auch für mich noch nicht zu spät sein würde, um Gitarre spielen zu lernen. Schliesslich war ich sogar erst 23. Um Längen jünger also! Und ich hatte gedacht, ich sei schon ein alter Sack und der Musikerzug schon längst abgefahren. Und ich hatte auch gedacht, es sei keiner mehr da, der später noch fahren würde. Ein kurzer Provinzfahrplan sozusagen, der um 11.00 Uhr in der Früh schon am Ende ist. Dieser Mensch war der lebende Beweis, dass das nicht so war. Und so kam alles ins Rollen. Ich schaffte mir eine billige klassische Gitarre an, suchte mir im Telefonbuch einen Musiklehrer und legte los. Meine ersten Musiklektionen bekam ich von einem weisshaarigen, arg schielenden Mann, ein Blick, wie mit dem Aussenrist getreten, ein Bananenblick erster Güte sozusagen. Und er sah aus wie ein Musketier. Die Haare nobel nach hinten gekämmt und in einer eleganten Welle auslaufend. Die Wohnung war so winzig, dass sie mir rückblickend eher wie eine Hundehütte vorkommt. Und überall hingen Instrumente an den Wänden. Geigen, Trompeten, Bratschen, Gitarren, Ukulelen, Jagdhörner. Ein Klavier hatte er auch, und darauf erklärte er mir den Aufbau der Tonleiter. Die Sache mit den Halb- und Ganztönen, die Dur- und Mollstufen und den Quintenzirkel auch gleich.

Wieder zuhause in der guten grünen Schweiz. Meine Geschwindigkeit beim Leeren eines Bierglases hatte sich enorm vergrössert. Das war eine der wesentlichen Veränderungen nach dem Aufenthalt in Paris. Und es geschah mir einige Male, dass ich einfach an den Bahnhof gegangen war, weil ich nach St.Gallen gehen wollte und nicht daran gedacht hatte, dass es in Wil keine Metro gab, die alle drei Minuten fährt, dafür einen Fahrplan, den es zu beachten gilt. Es gab noch andere Veränderungen. Die eigene Wohnung etwa. Oder der Beschluss, erst mal nicht zu arbeiten. Die Pariser Zeit hatte eine Bresche in die Selbstverständlichkeit helvetischer Geradlinigkeit geschlagen. Eine Art Riss hatte sich aufgetan und daraus floss eine neue Wahrnehmung. Die Gegenwart hatte in diesen Monaten völliger Zeitfreiheit Eingang in mein Leben gefunden. Das Gefühl war zur Leitlinie geworden. Die Poesie, die sich auf den Pfaden des Alltags bewegt.
In Zürich habe ich mir dann meine Fender Stratocaster gekauft. Es gab da am Escher-Wyss-Platz einen kleinen, feinen Secondhandshop für Musikinstrumente. Und da stand diese wunderschöne Strat herum, mit dunklem Griffbrett und dunkelblau lackiertem Korpus. Eine seltene Erscheinung. Ich konnte noch gar nicht recht spielen, aber sie war schön und mein Herz hüpfte, als ich sie in Händen hielt. Also gehörte sie kurze Zeit später mir.

Von Miles Davis und Jazz hatte ich noch keinen blassen Schimmer. Ich hörte mir damals Bluesmusik und Dire Straits an. Marc Knopfler und Gary Moore waren meine Gitarrenhelden. Erst durch eine neue Reise nach Paris kam ich zu einem ersten Berührungspunkt mit dem Jazz. An meinem damaligen Praktikumsplatz in einer Sonderschule in St.Gallen arbeitete auch ein Amerikaner. Im Grunde hatte er sich verirrt, denn eigentlich wollte er einige Monate in einem deutschsprachigen Land arbeiten. Daniel lebte in New York und studierte da vergleichende Literatur. Und weil sein Vater Jahre zuvor im Libanon gewesen war und dort jemanden kennen gelernt hatte, der mittlerweile Lehrer an unserer Schule war, war er sozusagen bei uns gestrandet. Dieser Mensch hatte ihm eine Stelle auf einer der Wohngruppen organisiert, aber ihm offensichtlich nicht gesagt, dass man in der Schweiz nicht Deutsch, sonder Schwyzerdüütsch redet. Nun war er da, und Schwyzerdüütsch war immerhin besser als gar kein Deutsch.
Als guter europäischer Gastgeber bot ich ihm natürlich an, ihm ein bisschen was zu zeigen. Und so gingen wir nach Paris, dieses weibliche New York, wie Daniel die Stadt später bezeichnen sollte. An einem Abend spielte in einem Club in Paris der Bassist Dave Holland. Zusammen mit dem Schlagzeuger Marvin „Smitti“ Smith, dem Saxophonisten Steve Coleman und dem Gitarristen Kevin Eubanks. Genauso gut hätte da ein Gunter Knöödt oder ein Rick Judda spielen können. Es sagte mir genau gar nichts. Aber weil Daniel ein Jazzliebhaber und in helle Aufregung geraten war, gingen wir da hin.

First touch ... Was zum Teufel geschah da auf der Bühne? Ich hatte noch nie so etwas gesehen. Rauchgeschwängerte Bilder sitzen in meiner Erinnerung. Von Kevin Eubanks Fingern, die Akkorde griffen, die ausserirdisch aussahen, Finger, die in einem Tempo über das Griffbrett rasten, dass mir darüber fast schlecht wurde. Es war wie Achterbahn fahren. Dieser „Smitti“ Smith haute derart auf seine Kübel und Trommeln und das ganze Percussionsmaterial, das er wie eine Burg um sich gestapelt hatte, ein, dass ich um seine Gesundheit fürchtete. Und plötzlich war Pause. Ich klappte den Unterkiefer wieder nach oben, bestellte uns zwei Bier und setzte mich hin, um mich zu erholen. Als es noch gar nicht weiter zu gehen schien, stand auf einmal ein Typ auf der Bühne. Er hatte sich ein Mikrophon geschnappt und röhrte irgendwas Wirres hinein. Duwahdidi taptapdädududidi duiiiiiiduiduidui-aahha und so weiter und dazu wippte er wie von Sinnen mit seinem Oberkörper. Ich dachte erst, das sei irgend so ein Grossstadtirrer, der sich die Pause zunutze gemacht hatte, um sich mal ordentlich in Szene zu setzen. Aber nach kurzer Zeit begaben sich die andern Musiker an ihre Plätze und mir dämmerte, dass der aus der Psychiatrie Entlaufene zum Programm gehörte. Er machte Musik. Sie alle machten Musik. Sie schienen einfach das zu tun, wozu sie grad Lust hatten. In einer Begeisterung und mit einer Virtuosität, die mir wie eine Erleuchtung vorkam. Nein, der Abend war eine Erleuchtung. Eine Art Geburt, alles geschah wie vorbewusst, wie im Dunkeln. Es traf mich unvorbereitet und die Erfahrung war ein emotionaler Schauer. Dave Holland habe ich nicht so in Erinnerung. Als Bassist war er der ruhende Pol dieser beiden Wahnsinnigen und zu Steve Coleman kann ich ebenfalls nichts sagen.